Bei der mittleren Mühle

Die „Mittlere Mühle“ liegt eingebettet in eine Landschaft aus waldigen Hügeln und Feldern, direkt an einem kleinen Bachlauf, der einst den Wassermühlenbetrieb speiste. Die ältesten Gebäudeteile stammen aus dem 16. Jahrhundert und wurden im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlichen Bauweisen erweitert. Rund 30 Jahre stand das Gebäude leer, bevor sich zwei Geschwister mit ihren Familien – darunter die Architektin des Projekts – für einen gemeinschaftlichen Umbau entschieden. Aus den vormals als Stall, Scheune, Wohnung, Hühnerstall und Garage genutzten Gebäudeteilen entstanden zwei Wohneinheiten und zwei Ferienwohnungen. Als einziger Neubau ergänzt eine in den Hang eingelassene Doppelgarage das historische Ensemble.

Freilegen und Weiterbauen

Behutsam wurde weitergebaut, was vor Jahrhunderten begonnen wurde. Alles Neue fügt sich selbstverständlich in den Bestand ein – bleibt dabei jedoch klar als zeitgenössischer Eingriff erkennbar. Die Gebäudegeometrie des Haupthauses mit Satteldach und des Anbaus mit Schleppdach bleibt im Wesentlichen erhalten. Insgesamt wurde der historische Bestand sensibel an heutige Lebensverhältnisse angepasst. Im Laufe der Jahre war der Gebäudebestand zunehmend verfallen, Feuchtigkeit hatte Teile der Grundmauern und Schwellhölzer geschädigt. Diese mussten abschnittsweise erneuert werden, bevor neue Bodenplatten in mühevoller Handarbeit eingebracht werden konnten – als Voraussetzung für eine wirksame Abdichtung gegen aufsteigende Feuchtigkeit und Grundwasser. Auch das Dach war stark sanierungsbedürftig: Die asbesthaltige Eterniteindeckung wurde vollständig zurückgebaut und durch ortstypische rote Doppelmuldenfalzziegel ersetzt. Im Innenraum wurden die Räume unter Berücksichtigung bestehender tragender Wände neu strukturiert. Über dem ehemaligen Hühnerstall und Kartoffelkeller – einem Anbau aus dem frühen 20. Jahrhundert – wurden das Dach und Teile der oberen Mauern entfernt. An ihrer Stelle entstand ein geschützter Außenraum, der die Belichtung der südlichen Stallwand ermöglicht und das Haupthaus wieder klarer als archetypisches Volumen mit Satteldach ablesbar macht. Der historische Bruchstein wurde – dort, wo er ehemals verputzt war – freigelegt und sorgfältig neu verfugt. Abgebrochene Backsteine wurden an anderer Stelle wieder verbaut.

Nachhaltiges Bauen

Zur Wahrung des äußeren Erscheinungsbildes wurden die Außenwände von Innen mit nachhaltigen Dämmstoffen versehen: Im Bereich des Fachwerks kamen Holzweichfaserplatten zum Einsatz, während die Bruchsteinwände mit ökologischem Kalkdämmputz gedämmt wurden. Die Dämmung gegen das Erdreich besteht aus umweltfreundlichem Schaumglasschotter. Die stark geschädigten Fachwerkfassaden und der Holzgiebel wurden mit einer vorvergrauten, homogenen Lärchenschalung verkleidet. So bleibt die Holzstruktur von außen ablesbar und bildet einen filigranen Kontrast zu dem Bruchsteinsockel. Sämtliche Fenster wurden in Lärchenholz gefertigt und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild ein. Statisch notwendige Eingriffe sind sichtbar gemacht und mit geschliffenem Weißzementbeton ausgeführt – ein Detail, das sich an einem bestehenden, gekalkten Sturz orientiert und diesen in moderner Form neu interpretiert. Im ehemaligen Stall- und Scheunenbereich wurden neue Geschossdecken in Holzbauweise eingezogen. Die Innendämmung im Erdgeschoss aus Porotonsteinen plus Perlite-Kerndämmung dient gleichzeitig als Auflager für die Brettstapeldecken. Im Innenraum wurde großer Wert auf nachhaltiges Bauen und gesunde Materialien gelegt. Im Erdgeschoss sorgen ein Stampflehmboden sowie eine Lehm-Kaseinspachtelung für ein wohngesundes Raumklima. Sämtliche Wände wurden in Eigenleistung mit Lehm verputzt, die Bäder mit Kalk. Ergänzt wird das Materialkonzept durch massivholzene Esche-Treppen und -Böden. Das Gebäude sollte nicht nur nachhaltig saniert werden, sondern alle verwendeten Materialien auch vollständig in den natürlichen Wertstoffkreislauf rückführbar sein.

Denkmal ohne Status
Von Fossilien, Fugen und Verschmelzungen

Die mittlere Mühle steht bislang nicht unter Denkmalschutz. Dennoch prägt sie durch ihr Baualter, ihre besondere Lage sowie die charakteristischen Materialien und Formen das Landschaftsbild – und stellt ein bedeutendes Zeugnis regionaler Baukultur dar. Die Bauherr*innen waren sich dieser Verantwortung bewusst und wählten einen spielerischen, zugleich respektvollen Umgang mit dem Bestand. In der Scheune wurde das Fachwerk im Inneren sichtbar erhalten und mit alten Abbruchbalken an die neue Nutzung angepasst.

Im ehemaligen Stall- und Heubodenbereich wurde die historische Fachwerkkonstruktion freigelegt, einzelne Gefache entfernt und alte Fensteröffnungen zu Durchgängen umgestaltet. Die parallel verlaufende neue Holzständerwand ergänzt das historische Gefüge. Durch die Öffnung der Gefache im ersten Obergeschoss entsteht ein offener Flurraum, der Alt und Neu räumlich wie atmosphärisch miteinander verbindet. Die Konstruktion bleibt erlebbar, während Licht, Blickbeziehungen und Bewegungsfreiheit den ehemals geschlossenen Bereich neu definieren.

An der Westfassade wurden zwei kleine Rundbogenfenster in größere Öffnungen umgebaut – ihre neue Lage orientiert sich an der der ursprünglichen Fenster. Die alten Laibungen blieben als „Fossilien“ sichtbar und wurden sensibel in Sichtbeton eingefasst – eine bewusste Geste des Weiterbauens, die Geschichte nicht überdeckt, sondern fortschreibt.

Gemeinschaftliches Bauen

Beim Umbau der alten Mühle spielte nicht nur die bauliche, sondern auch die soziale Dimension eine zentrale Rolle. Der Aspekt des gemeinschaftlichen Bauens war dabei besonders bedeutend: Über einen Zeitraum von 3,5 Jahren engagierten sich die Bauherr*innen intensiv in Eigenleistung. Viele Arbeitsschritte wurden gemeinsam mit Familie, Freund*innen und Unterstützer*innen umgesetzt. Dieses kollektive Arbeiten förderte nicht nur den Fortschritt des Projekts, sondern schuf auch ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine enge Verbundenheit mit dem Ort. Die Mühle wurde so nicht nur ein Wohnraum, sondern ein Ergebnis gelebter Zusammenarbeit und geteilten Engagements.

Energieerzeugung und Synergien

Auch im Bereich der Gebäudetechnik setzten die Bauherr*innen auf gemeinschaftliche Lösungen: Ein zentraler Technikraum beherbergt gemeinsam genutzte Puffer- und Stromspeicher, wodurch Synergien entstehen und der Ressourcenverbrauch optimiert wird. Beheizt wird das gesamte Gebäude mittels einer Sole-Wasser-Wärmepumpe. Die Bauherr*innen verlegten hierfür ca. 700m PE-Rohre in einem Meter Tiefe vor dem Haus. Durch die Nähe zum Grundwasser wird eine hohe Effizienz der Anlage erreicht. Zur Eigenstromversorgung wurde die Südseite des Gebäudes mit Photovoltaikmodulen von 19kwp ausgestattet. Der erzeugte Strom soll weitgehend den Eigenbedarf decken. Ein Stromspeicher von 15kw deckt den Strombedarf während der Abendstunden. Ergänzend wurde ein neuer Anschluss an das öffentliche Stromnetz hergestellt, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Bildrechte der Nachherfotos bei Nicolas Wefers © https://nwefers.de/

Ein Projekt von Elisa Hartmann | Planung bis Fertigstellung 2022-2026

Zweiter Bauherrenpreis “Das goldene Haus” vom Burdaverlag 2026